Was verändert die Corona-Krise?


Alles anders oder weiter wie bisher?

Im März, inmitten der Coronakrise und speziell nach der Verhängung des Lockdowns, war man im Schockzustand. Die einschneidenden Maßnahmen zur Stilllegung des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens hielt man vorher nicht für möglich. Diese einmalige Krise führte auch zu unterschiedlichen Spekulationen über deren Auswirkungen auf unsere Gesellschaft. Alles würde sich ändern, nichts würde bleiben wie es war, meinten einige. Nun, Ende Mai, geht es in schnellen Schritten zurück in die Normalität und viele würden am liebsten genau dort weitermachen, wo sie vor Corona aufgehört haben. Was aber wird uns von dieser Krise wirklich bleiben? Ganz abgesehen natürlich davon, dass eine neue Welle der Infektionen und darauffolgende drastischere Maßnahmen nicht ganz unwahrscheinlich sind.

Dominante Werteströmungen

Nachdem eine funktionierende Kristallkugel für den Blick in die Zukunft noch nicht erfunden wurde, können wir Trends nur aus einer gründlichen Analyse der Vergangenheit ableiten. Und hier reicht es nicht, bis Anfang März 2020 zurückzuschauen. Stattdessen sollten wir die Entwicklung gesellschaftlicher Leitmotive über die Jahrzehnte hinweg betrachten. Gemeinsam mit unser Schwester SINUS haben wir die folgende Systematik entwickelt, welche auch eine Grundlage für die Neumodellierung der Sinus-Milieus® 2010 (in Deutschland) und 2011 (in Österreich) war.


Die Entwicklung gesellschaftlicher Leitwerte lässt sich als eine dialektische Abfolge von Trends und Gegentrends darstellen. Die Nachkriegszeit ist durch Verzicht für den Wiederaufbau bestimmt. In den 60er Jahren wird die Lust am Konsum immer stärker und bildet quasi die Antithese zur Verzichtsethik. Aus diesen beiden gegensätzlichen Strömungen heraus entwickeln sich in den 70er Jahren die postmaterialistischen Werte: Persönliche Selbstverwirklichung, kombiniert mit gesellschaftlicher Verantwortung. Die fortschreitende Individualisierung und der Erfolg neoliberaler Ideologien führen in den darauffolgenden Jahrzehnten zu einer zunehmenden Abkehr von gesellschaftlichem Denken und Werten wie Verantwortung und Nachhaltigkeit hin zu der starken Betonung von individuellem Erfolg und persönlichem Glück. Der übertriebene Optimismus dieser Zeit wird durch die Erfahrung von großen Krisen im neuen Jahrtausend konterkariert und erzeugt ein starkes Bedürfnis nach „Regrounding“: Planbarkeit und Geborgenheit in überschaubarer Gemeinschaft.

Neue Phase der vorsichtigen Öffnung in den letzten vier bis fünf Jahren

Die Erfahrung von Unsicherheit und Unkontrollierbarkeit spitzte sich jahrelang zu und paarte sich zunehmend mit Kritik an den „unfähigen“ oder „korrupten“ Eliten und mit dem Rückzug ins Privatleben. Der Höhepunkt dieser Entwicklung war Ende 2015 mit der sogenannten „Flüchtlingskrise“ gegeben, die von vielen als die ganz große Bedrohung von Wohlstand und Sicherheit gesehen wurde. Aber das Schlimmste ist nicht eingetroffen, und auch diese Krise erwies sich als bewältigbar. Wir sehen seither eine neue, vorsichtige Öffnung. Die staatlichen Institutionen gewinnen wieder an Vertrauen, die EU an Akzeptanz und gesellschaftliche Anliegen wie die Bekämpfung der Klimakatastrophe werden wichtiger. Und in dieser Phase gibt es nun die Coronakrise.


Welche vorangegangenen Trends werden durch die Coronakrise befördert, welche aufgehalten?

„Corona“ ereignet sich nicht im Vakuum. Die interessante Frage ist also nicht, ob durch Corona „alles anders“ wird, sondern eher, wie die Coronakrise an die vorangegangene gesellschaftliche Entwicklung anschließt. Welche Ableitungen können wir hier treffen?

Trend seit 2015: Institutionelles Vertrauen steigt wieder
Das wird durch die Coronakrise deutlich befördert. Der Staat und seine Institutionen (Regierung, Verwaltung, Gesundheitssystem) werden gestärkt. Demgegenüber verliert die Privatwirtschaft (und hier speziell große Unternehmen und deren Chefs) stark an Vertrauen.

Trend seit 2015: Vertrauen in klassische Medien steigt wieder
Diese Entwicklung wird unterbrochen. Zwar gewinnt der ORF als österreichische Institution an Vertrauen, alle anderen Medien verlieren jedoch. Diese Situation erinnert ein wenig an die Reflexion der Flüchtlingskrise (wenn auch viel geringer ausgeprägt): In der Aufarbeitung der Krise wird den Medien vorgeworfen, zu wenig differenziert berichtet zu haben.

Trend seit 2015: Öffnung für EU und Internationalität
Dieser Trend wird durch die Coronakrise eindeutig rückgängig gemacht. Die Coronakrise führt zur Stärkung des Nationalgefühls und zur Abwertung anderer Länder und internationaler Organisationen.

Grundgefühl seit der Jahrtausendwende: Skepsis gegenüber der Globalisierung
Diese Skepsis wird massiv verstärkt. Österreichische Marken und das Konzept der Regionalität insgesamt gewinnen an Bedeutung. Überschaubarkeit und Kontrolle im Nahumfeld werden zum Grundbedürfnis.

Grundbedürfnis seit der Jahrtausendwende: Rückzug auf Privatleben
Das Private wird durch Corona verstärkt, der öffentliche Raum wird als gefährlich erlebt. Nur zu Hause ist man wirklich sicher. Privilegierte Milieus bzw. Menschen in privilegierten Lebensverhältnissen haben „Entschleunigung“ im engsten Familienkreis erlebt und genossen.

Trend seit 2015: Zunehmende Beschäftigung mit Klimawandel als der großen Herausforderung für die Menschheit
Der Klimawandel ist aktuell wenig relevant, trotz aller Lippenbekenntnisse. Es ist sogar zu befürchten, dass umweltfreundliche Mobilität verliert (wegen Ansteckungsängsten). Wichtig ist aber zu sehen, dass die Zeit eigentlich reif ist für die Verfolgung dieses eminent wichtigen gesellschaftlichen Anliegens. Bei entsprechendem politischen Wollen und Handeln kann an diese Bereitschaft neu angeknüpft werden.

Langfristige Entwicklung: Zunehmende Digitalisierung des Alltagslebens
Hier handelt es sich um eine durch Corona stark geförderte Entwicklung. Home-Office als konkrete Alternative zur Büroarbeit wird gestärkt. Insgesamt werden digitale Alltagsbewältigung und digitale Kommunikation stark angeschoben. Zu hinterfragen bleibt allerdings, welche gesellschaftliche Folgen zu erwarten sind. Manche befürchten eine Stärkung der klassischen Rollenverteilung zwischen den Geschlechtern, wie sie vielfach bei Home-Office und Home-Schooling beobachtet werden konnte. Soziale Unterschiede und Spannungen vertiefen sich möglicherweise durch die Tatsache, dass Home-Office eher für gehobene soziale Milieus zugänglich ist. Und die Erweiterung internetbezogener Kompetenzen kommt vermutlich wieder primär den bereits schon versierten Internetnutzern zugute und verstärkt damit die Kluft zwischen Internetprofis und Laien.

Trendreport

Zu all diesen Fragen haben wir einen eigenen Trendreport zusammengestellt, der ausführlich auf die Entwicklungen der österreichischen Gesellschaft eingeht. Wir beschäftigen uns hier speziell mit der Phase des Regroundings seit der Jahrtausendwende, der vorsichtigen Öffnung seit 2015 sowie den aktuellen Entwicklungen der Coronakrise.

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